Oprah Winfrey Bag Zurich

Wenn #täschligate dem normalen Bürger widerfährt

Es geht mir nicht darum, Licht ins Dunkle zu bringen, ob nun die Version von Oprah Winfrey oder die von Trudie Götz der Wahrheit entspricht. Vermutlich haben beide Parteien ein wenig recht: die Verkäuferin war arrogant, aber mit Rassismus hat das nichts zu tun. Geschichten wie #täschligate widerfahren aber leider nicht nur Promis sondern auch normalen Bürgern wie Dir und mir.

Ein Freund von mir, nennen wir ihn Beat, ein erfolgreicher Unterehmer, der sich aber in seiner Freizeit gerne sehr legèr kleidet, entschloss sich, ein neues Auto zu kaufen. Nicht auf Ricardo.ch, nicht bei einem der zahlreichen Occasionshändler, sondern bei einer offiziellen AMAG-Filiale. Ein Audi sollte es sein? Nigelnagelneu. Beat betrat also einen grossen Showroom und schaute sich interessiert um. Und wurde konsequent vom Verkaufspersonal igoriert. Klar, er war ja auch in seiner Freizeit dort – seine Bluejeans mochten durchaus einen Riss gehabt haben und allenfalls war sogar sein T-Shirt verwaschen. Er wandte sich dann aktiv an einen Verkäufer, wurde aber vertröstet, er müsse sich noch ein wenig gedulden. Dies trotz Verkäuferkapazität. Irgendwann wurde Beat dann bedient – oder muss ich schreiben: halbherzig beraten. Als dann klar war, für welches Modell er sich entschied, fragte ihn der Verkäufer, ob er den Antrag für’s Leasing schon ausgefüllt habe? Beat antwortete, dass er gerne “cash” bezahlen würde… Schlagartig änderte sich die Stimmung des Verkäufers: “Oh, Herr Rüdisühli [Name der Redaktion bekannt], darf ich ihnen etwas zu trinken anbieten?” Dem lieben Beat wurde ab sofort in den Arsch gekrochen. Stossend.

Ein Einzelfall? Leider nein. Eine befreundete Familie steht vor dem Umzug nach Singapur – der Vater hat eine Expat-Anstellung bekommen. Die ganze Familie entschied sich also, nach Singapur zu reisen, um sich nach einem schönen Haus umzusehen. Am Checkin bei Singapore Airlines wurde die Familie nicht mit einem “Hi” begrüsst, als sie an den Schalter kam sondern wie folgt: “Do you realize that this is the checkin for Business Class?” – klar haben sie das realisiert, schliesslich hat der Arbeitgeber auch für die ganze Familie einen Business Class Flug gelöst.

Wie fühlt man sich da als Kunde? Für mich ist es jeweils schwierig, in einer solchen Situation die Ruhe zu bewahren.

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Eine ganze Serie ‘Don’t judge too quickly’ Commercials gibt’s hier.

Meine Traumuhr – ein fiktives Beispiel – kostet 15’000 Franken (ja, ein wahres Schnäppchen im Vergleich zur 35’000.- Franken-Krokodilleder-Tasche von Tom Ford). Ich kann mir diese Uhr heute vielleicht gar nicht leisten. Trotzdem würde ich sie gerne mal an meinem Armgelenk tragen. Um zu sehen, wie sie wirkt. Um zu sehen, wie es sich anfühlt, diese Uhr zu tragen. Nehmen wir weiter an, es gibt zwei Uhrengeschäfte mit dieser Uhr. Beide Verkäufer wissen, dass ich mir diese Uhr heute gar nicht leisten kann. Ein Verkäufer verweigert mir die Bedienung, der andere reicht mir die Uhr und macht dann sogar ein Foto der Uhr an meinem Handgelenk, welches er mir später per E-Mail zuschickt (oh, hat das Geschäft nun tatsächlich meine E-Mail-Adresse von mir bekommen?). In drei Jahren gewinne ich vielleicht mal im Lotto. Wo werde ich wohl meine Traumuhr kaufen gehen? Und in der Zwischenzeit freue ich mich über den monatlichen Newsletter des Uhrengeschäfts.

Und das Learning? Verwehre NIE einer Frau den Zugang zu Taschen. Ne-ver.

4 thoughts on “Wenn #täschligate dem normalen Bürger widerfährt”

  1. Wie Gottfried Keller schon wusste: Kleider machen Leute. Scheint auch heute noch aktuell. Dieses in unserer Gesellschaft antrainierte “Schubladen-Denken” aufgrund der Kleidung kann man ja auch umgekehrt einsetzen. Mit dem besten Anzug gekleidet auf eine kostenlose Ferrari-Probefahrt zum Beispiel…

    1. Danke Christoph. Ein sehr schönes Beispiel. Ich versuche einfach mich selbst zu sein. Und manchmal passt halt ein Anzug, manchmal auch Bluejeans mit Löchern. Die neue Corvette Stingray gehe ich sicher nicht im Anzug probefahren 😉 (und nein, ich werde sie mir nicht gleich kaufen, auch wenn ich das wollte)

  2. ich erinnere mich da gerne an die geschichte mit dem millionär im geschöäft des einstigen modemachers moshammer, der alle gleichbehandelt hat, ob arm oder reich und sich keinen hehl daraus machte. ein millionär kam in jeans und t-shirt in sein geschäft und bekannte sich nicht zu sienem geld. moshammer bediente ihn trotzdem und wurdemit einem reichlichen einkauf belohnt. oder die geschichte im film “der duft der frauen” mit al pacino, der sich blind, wie er war mit seinem studenten einen ferrari ausgeliehen hatte. diese geschichten schreibt das leben. nicht solch eine vor selbstgerechtigkeit strotzende oprah winfrey.

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