Taxilampe

Der Wert von Stil

Es ist Sonntagmorgen, 1 Uhr, die Strassen unter der Hardbrücke sind voller Menschen, die sich in die Party stürzen wollen. Mein Abend neigt sich dem Ende zu und ich will heim, überlege mir kurz, ob ich die 20 Minuten zu Fuss gehen soll, entscheide mich aber dagegen, die Woche war zu anstrengend und der Schlafwunsch nagt stärker als sonst an meinem Wachsein. Die Option des Nachtbusses verwerfe ich, weil ich mich jedes Mal überwinden muss, zusätzliches Geld zu entrichten, obschon ich im Besitz eines Generalabonnements bin, weil ich dann auch noch ein Stück zu Fuss gehen müsste, weil ich einfach keine Lust habe, mich unter die zu erwartenden Fahrgäste zu begeben. Es muss also ein Taxi her.
Unter der Hardbrücke wimmelt es zu dieser Zeit davon, leider sind sie auf absehbare Zeit alle besetzt, also verschiebe ich mich auf die Brücke und schon nach kurzer Zeit erscheint ein schnittiges weisses Mercedes-Coupé mit gelbem Licht auf dem Dach. Die Scheibe fährt herunter, aber ich bin schneller mit dem Öffnen der Tür. Doch der Fahrer, der mich freundlich grüsst, ist mir um Längen voraus, erkennt schneller als Lucky Luke meine Körpergrösse und fährt flink den Sitz in die raumöffnendste Position zurück. Nicht, dass mir das noch nie passiert wäre, aber dieses kundenfreundliche Verhalten fällt mir jedes Mal auf. Ich gebe meine Adresse an und der Fahrer braucht keine Sekunde um zu wissen, wo das ist. Das Taxi fährt an, ohne die vielen Pferde unter der Haube aufscheuchen zu müssen, und ich habe Gelegenheit mit dem Fahrer ins Gespräch zu kommen. Nicht immer ist mir danach, aber heute schon und so erfahre ich, dass die Geschäfte an diesem Abend gut laufen, weil noch eine Grossveranstaltung im Gang ist. So weit, so unaufgeregt. Was aber auffällt ist der Fahrer, den man oberflächlich betrachtet, schnell in die BMW M3-Tunerecke verbannen würde. Neben mir sitzt aber ein höflicher, perfekt gepflegter Mann in modischer Kleidung, mit perfekt sitzendem Hemd, mit perfekt dazu passender Krawatte, die perfekt gebunden ist. Im Wagen liegt kein Müll rum, kein unnötiger Krimskrams hängt am Rückspiegel, liegt vor dem Aschenbecher.

Die Fahrt ist kurz, sicher, unspektakulär und kostet am Ende 14 Franken irgendwas. Ich bedanke mich mit dem Kompliment: “Vielen Dank, es war sehr stilvoll mit Ihnen fahren zu dürfen, ich bin beeindruckt”. Der Fahrer ist sichtlich überrascht und das noch mehr, als ihm einen 20er gebe und sage: “Isch guet so!”. Das ist viel zu viel Trinkgeld für eine Taxifahrt, aber ich habe ja auch für den 1A-Limousinen-Service bezahlt.

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