fluchen - oder Kraftausdrücke unter der Gürtellinie

Darf eine Marke fluchen?

Immer wieder wird von Unternehmen verlangt, auf Augenhöhe mit den Kunden und Konsumenten zu kommunizieren. Doch was heisst Augenhöhe, wenn dabei allenfalls die Gürtellinie unterschritten würde?

Eine heikle Frage. Oder doch nicht? Meines Erachtens ist die Gürtellinie die Grenze. Doch wer definiert, wo sich diese imaginäre Linie zwischen Anstand und Unflätigkeit befindet? Sollen die Unternehmen diese Linie für sich definieren? Oder sind es die Kunden, die entscheiden, was ihnen noch genehm ist und was nicht?

Hier ein wenig Hintergrundinformation zur schweizerdeutschen Sprache aus der NZZ vom 10. August 2008:

Das unter Jugendlichen wieder neu entdeckte huere (im Sinne von «extrem» oder auch uuhuere mit einem verstärkenden Präfix uu-) geht sicher auf Huer zurück. Dieses Wort ist die schweizerdeutsche Form des allen germanischen Sprachen gemeinsamen Wortes für Prostituierte, das mit dem Lateinischen carus (begehrt, lieb, teuer) urverwandt ist. Wie anderes negativ Bewertetes fungiert es als Schimpfwort und wird sinnentleert als reine Verstärkung vor Substantiven und Adjektiven verwendet. Ähnliche Entwicklungen sind vielfältig belegt. Wer denkt schon bei der Verwendung von choge guet oder cheibe schöön, dass im ersten Teil des Wortes alte Bezeichnungen für Tierkadaver (Cheib, Chog) stecken. Selbst das hochdeutsche «sehr» bedeutete einst wund, verwundet, blutend, krank. Die beim häufigen Gebrauch von Verstärkungswörtern sich einstellende Abschwächung der eigentlichen Bedeutung ist auch der Grund dafür, dass solche Ausdrücke rasch an Kraft verlieren und dass immer wieder neue (oder rezyklierte) und regional variierende an ihre Stelle treten (vergleiche etwa schampar aus schand-bar = schändlich, schüüli aus schüch-lich = abscheulich, rüüdig = mit Räude behaftet).

Darf nun also eine Marke einen solch verstärkenden Präfix verwenden? Meine Meinung: aber sicher doch. Und einmal mehr erlaube ich mir, als besonders gelungenes Beispiel dafür den Kundendienst des Schweizer Radio Fernsehns (@srf) einzubetten.

Die Zora Debrunner (auch bekannt als ‘die nähdrescherin‘), welche bekanntlich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, ihre ungefilterte Meinung kund zu tun, hat sich beim @srf beschwert, dass etwas mit dem Programm-Guide nicht funktioniert:

https://twitter.com/zoradebrunner/status/530800078962065408

Und die meines Erachtens absolut gelungene Reaktion des Daniel Segmüller im Namen seines Arbeitgebers möchte ich Euch nicht vorenthalten:

Er leitet seine Antwort mit dem Kraftausdruck #hueresiech ein. Gemäss der Webseite #tagdef ist dies mit dem englischen #wtf (what the fuck) gleichzusetzen; auf deutsch wäre wohl in diesem Fall #verdammt ein in die Nähe kommender Ausdruck (ja, ich bin mir bewusst, dass es sich bei ‘verdammt’ nicht um einen Kraftausdruck mit verstärkendem Präfix handelt – bessere Vorschläge gerne via Kommentar).

Und wieso gefällt mir das so gut? Weil Zora genau diesen Hashtag häufig verwendet (auch wenn sie nicht die Schöpferin desselben ist) und sich das der aufmerksame Daniel in seinem Tweet zu nutze macht, um mit seiner Kundin (bei einem notabene heiklen Thema, es handelt sich ja um eine Beschwerde) eben genau auf der viel geforderten Augenhöhe zu kommunizieren.

Bravo!

Habt Ihr mir weitere Bespiele von gelungener Kommunikation zwischen Marke und Kunde, die nahe an der Grenze zur Gürtellinie sind? Ich freu mich darauf.

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